Während unseres Aufenthaltes in Wien wurde eine Volksbefragung durchgeführt. Da wir mit dem Aufbau beschäftigt waren, blieb uns leider nicht viel Zeit, uns mit den politischen Themen auseinanderzusetzen. Aber Lokalpolitik drang auch in unseren Tunnel: zum Einen über die Konzeption unserer Ausstellung an sich, dann über meine Arbeit "Hier aktuell" und schliesslich auch über die Erfahrungen, die wir mit den Kontakten vor Ort machen durften.
Unsere Ausstellung entspricht in ihrer Konzeption nicht nur einem der Kernpunkte in der (inter-)nationalen Positionierung des Studienganges Kunst & Vermittlung, sondern ebenfalls einem Prinzip, welches sich als urschweizerisches Demokratieverständnis deuten lässt. In der Vermarktung unseres Studienganges fokussieren wir stets auf das Werk und seinen räumlichen sowie kulturellen Kontext, unabhängig von persönlichen Prozessen und Erfahrungen, die zum Werk führten. Es scheint uns wichtig, den Arbeiten dieselbe Aufmerksamkeit beizumessen (natürlich unter Einbezug der an die AutorInnen gestellten Erwartungen, die je nach Studiencurriculum unterschiedlich sein können), unabhängig davon, ob es sich um ein altes Meisterwerk oder das Werk eines Erstsemesterstudierenden handelt. Diese Haltung entspringt dem Glauben, dass Autorität alleine nicht die bessere Kunst generiert. Der Betrachter eines Werkes soll sich frisch und frei seine eigene Meinung bilden können. Wir nehmen die Kunstwerke und deren ErschafferInnen, aber auch die KunstbetrachterInnen ernst.
Deshalb haben wir bewusst darauf verzichtet, eine Best of Show vorzuzeigen. Wir entschieden uns für eine repräsentable Ausstellung, welche die Vielfalt der Tätigkeiten der beteiligten Personen in der Vertiefungsrichtung Zeit/Mixed Media aufzeigt. So fehlen denn auch die Hinweise, welche Arbeiten während, nach oder gänzlich ausserhalb des Schulkontextes erschaffen wurden. Es ist für uns von zentraler Bedeutung, die Werke von aktuellen sowie ehemaligen Studierenden, Dozierenden und Assistierenden auf demselben Tablett zu servieren.
Darin glauben wir den demokratischen Zugang zu Kunst zu fördern, was für uns eben unbedingt auch ein Politikum sein soll (daher die Nomenklatur Kunst & Vermittlung). Ein Kunstwerk ist schliesslich selbst dann politisch, wenn es sich dem vermeintlich Unpolitischen nähert. Ein gutes Beispiel dafür ist die Arbeit "Hier aktuell", die aufgrund ihrer technischen Raffinesse davon ablenken mag, dass sie eine hohe politische Brisanz aufweist.
Während des Aufbaus erschienen in der Köpfchentypografie immer wieder die neuesten Headlines aus lokalen Nachrichten-Websites. Lächelnd, gähnend und grimassierend zogen die Gesichter über die fünf Monitore hinweg und verkündeten zuerst die letzten Hochrechnungen, dann den Aufruf und schliesslich den Ausgang der "Volksbefragung" in Wien.
Das Wort "Volksbefragung" an sich mutet einem Schweizer eher komisch an. Das Volk unverbindlich zu befragen reibt sich irgendwie mit unserem Verständnis von Demokratie. Auch wenn wir Kunstschaffenden uns eine solche Unverbindlichkeit zuweilen wünschen würden, sind wir dennoch alpin überzeugt, dass eine Regierung dem Volkswillen zu unterliegen hat.
Um in der Symbolik der Arbeit zu bleiben könnte man auch sagen: Die Köpfe sind die News; Sie generieren die Nachrichten und sind auch von ihnen betroffen. Die passive Form, welche der Begriff der Volksbefragung suggeriert, passt nicht recht in unser Bild eines demokratischen Selbstverständnisses, in dem Alt und Jung, Klein und Gross, Dick und Dünn sich zueinander gesellen und dem Abstrakten so ein Heer an Gesichtern verleihen.
Die Gesichter unserer Kontaktpersonen, die wir vor Ort in Wien endlich den Namen zuordnen durften, prägten ein persönliches Bild zu den jeweiligen Personen. Zuvor waren uns nebst ihren Namen und Aufgaben vorallem ihre Titel ein Begriff. Die Voranstellung von Titel und Funktion vor den Namen ist in akademischen Kreisen sicherlich auch in der Schweiz nicht unüblich, wenn auch nicht in solchem Masse. Zur intellektuellen Elite zählen aber auch die KünstlerInnen, denen solche Titel eher ein Gräuel sind.
Mit anderen Worten: Die Vermutung, dass Status und Bildung ein Mehr an Richtigkeit und Wichtigkeit produzieren, lehnen wir Schweizer wohl grundsätzlich ab. Wie sonst kann man verstehen, dass die stärkste politische Kraft im Land eine Partei ist, welche vornehmlich auf tiefstem Niveau kommuniziert? Die Schweizerische Auffassung, dass Wissen und Arbeit Macht legitimiert, wird durch eben diese für uns so wichtigen demokratischen Prozesse enttäuscht.
In Wien durften wir deshalb nicht nur eine wichtige Erfahrung mit einer Kunstausstellung machen, sondern lernten darüber hinaus politisch dazu. Es ist sicherlich auch schön zu wissen und darauf zu vertrauen, dass es Menschen gibt, die etwas besser können als man selbst. In diesem Sinne hoffen wir, unseren demokratischen Fundamentalismus etwas durchbrechen zu können. Aber wir hoffen eben zu Recht auch, dass es die Kunst schafft, jeden Betrachter ein kleines bisschen bilden zu können, um ihm so ein wenig mehr Wissen vermitteln zu können.